Chronik

Gründung
Die ersten Schritte
Der erste Gottestdienst
Der Aufschwung des Chores
Das neue Vereinshaus
Die Zeit bis zum zweiten Weltkrieg
Der zweite Weltkrieg
Die Zeit nach 1945 bis 1956
Der Chor seit 1956
 
Das Bundesfest der Jungmännerbünde 1896 in Stuttgart, zu dem viele junge Menschen aus ganz Württemberg zusammengekommen waren, um ermutigende und glaubensstärkende Ansprachen zu hören, gab einigen jungen Männern in Münchingen den Anlaß, auch hier am Ort solch einen Bund zu gründen. So wurde im Jahre 1897 unter der Leitung von Oberlehrer Nonnenmacher der Evangelische Jünglingsverein Münchingen gegründet. Jeden Sonntag trafen sich diese, um gemeinsam Lieder zu singen, Spiele zu machen und auch Gedichte vorzutragen. Was jedoch dabei im Mittelpunkt stand, war ein Text aus der Bibel, über den sie sich zusammen mit Lehrer Nonnenmacher Gedanken machten. Schnell gewann der neu gegründete Bund an Attraktivität, und es kamen immer mehr Freunde zu diesen sonntäglichen Treffen und interessierten sich am Wort Gottes.

Im Sommer des nächsten Jahres wurden die Münchinger Jünglinge eingeladen. Der etwas ältere Jünglingsverein Ditzingen feierte ein Vereinsfest und lud dazu alle benachbarten Vereine ein, um mit ihnen zu feiern. Also machten sich die Jungen auf und gingen an diesem Sonntag Nachmittag zu Fuß von Münchingen nach Ditzingen, und erlebten dort einen entscheidenden Anstoß für ihr Leben. Was sie auch schon in Stuttgart beeindruckt hatte, begeisterte sie nun bei diesem Fest um so mehr: das Spiel der Posaunenbläser, die sie beim Singen begleiteten und mit denen sie zusammen das Lob Gottes viel kräftiger und schöner ausdrücken konnten.

Auf ihrem Heimweg konnten sie nur noch über die neuen Eindrücke schwärmen. Welch großartige neue Möglichkeit bot sich ihnen hier, ihrem Glauben eine neue Ausdrucksweise zu verleihen, mit diesen gewaltigen und doch unaussprechlich schönen Klängen. Klänge, die jede Tür und Mauer durchdringen konnten, so daß jeder davon erfaßt werden konnte. So war der Verkündigung und Verbreitung des Evangeliums, das ihnen am Herzen lag, eine neue und vielversprechende Möglichkeit gegeben.

 

Die Gründung

Natürlich berichteten die Jungen daheim von ihren eindrücklichen Erlebnissen in Ditzingen und von ihrer Absicht, auch in Münchingen einen Posaunenchor ins Leben zu rufen. Was natürlich leichter gesagt war, als getan; denn wer sollte die teuren Instrumente bezahlen, die sie zu allererst anschaffen mußten und wer sollte ihnen überhaupt das Spielen beibringen? Sie ließen sich jedoch bei all diesen Bedenken nicht von ihrem Vorhaben abbringen und schwärmten am nächsten Sonntag bei Lehrer Nonnenmacher von ihrem Erlebten. Dieser freundete sich recht bald mit der Idee an, einen Posaunenchor zu gründen und zeigte sich zur Freude der Jungen auch bereit, die Leitung der Gruppe zu übernehmen. Was den Münchingern jedoch die größte Freude bereitete war, als ihnen ihr zukünftiger Leiter versprach, sie darüber hinaus auch noch finanziell zu unterstützen! Er war bereit, ihnen ein Darlehen von 100 Goldmark zu geben, wenn die restliche Finanzierung der Instrumente durch die Mitglieder des Kreises übernommen wurde. Diesem guten Beispiel folgten darauf hin noch einige Verwandte und Freunde und auch am Ort wurden weitere Spenden gesammelt. So konnte man noch im selben Jahr 1898 mit 215 Goldmark in der Tasche nach Ludwigsburg fahren, um dort für den neu gegründeten Posaunenchor 6 Instrumente zu kaufen.

 

Die ersten Schritte

Die ersten Versuche wurden nun unternommen, auf den neu erworbenen Instrumenten zu spielen. So trafen sich jeden Sonntag im Wohnzimmer von Lehrer Nonnenmacher die 5 Jungen:

Karl Hönes, Friedrich Hornung, Johannes Hornung

Wilhelm Hornung und Jakob Maier

und versuchten zusammen mehr recht als schlecht einige klare Töne und bald auch Lieder zu spielen, was wahrscheinlich für den Gastgeber und auch für die Nachbarn nicht gerade ein Ohrenschmaus gewesen sein dürfte. Aber man ließ sich nicht beirren und übte eifrig weiter und spornte sich oft auch gegenseitig an, wenn man den restlichen “Jungbläsern” fehlerlos “Großer Gott, wir loben Dich” vorspielen konnte.

Aber die Bläser hatten sich ein großes Ziel gesetzt. Sie wollten nach möglichst kurzer Zeit im Gottesdienst mitwirken, um der Gemeinde ihren neu gegründeten Posaunenchor vorzustellen. Also wählte man das nächstliegende Weihnachtsfest 1898 als ersten Auftritt im Gottesdienst.

 

Der erste Gottesdienst

Mit frisch geputzten, glänzenden Instrumenten erschienen die Bläser an diesem Tag in der Kirche und spielten zusammen einige Choräle, die sie schon lange zuvor unendlich oft geübt hatten. Zu ihrem Erstaunen klappte das Geübte recht gut und auch die Gemeinde war beeindruckt und erfreut von dem neuen Chor. Einige Gemeindemitglieder bekundeten ihre Freude sogar damit, daß sie den Posaunenchor mit weiteren Spenden unterstützten. So konnte noch im selben Jahr ein Teil des Darlehens an Oberlehrer Nonnenmacher zurückgezahlt werden. Natürlich gab es unter den Zuhörern auch solche, die gar nicht von dem Spielen begeistert waren und sogar etwas Angst davor hatten. Es wird berichtet, daß nach diesem Weihnachtsgottesdienst Stimmen laut wurden, die das Spielen der Bläser im Gottesdienst verbieten wollten, denn diese würden durch ihr lautes Spielen den Segen aus der Kirche hinausblasen! Doch diese Kritik spornte die Bläser nur noch zusätzlich an, ihr Können zu verbessern und so übten sie mit großem Eifer weiter und trafen sich in dieser Anfangszeit sogar auch mehrere Male pro Woche.

 

Der Aufschwung des Chores

Dieser Eifer und dieser Einsatz, den die Gründer des Chores zeigten, wurde auch recht bald belohnt, denn in der Folgezeit verbesserte sich ihr Können „zuhörens“ und die Gruppe erlebte einen regelrechte Aufschwung. So wurde auch bald der Chor sehr beliebt und nahm an Größe zu. Unter diesen Neulingen befand sich auch Karl Hahl. Er übte von Anfang an sehr fleißig und zeigte eine ausgeprägte Begabung beim Spielen. Er lernte in kürzester Zeit unter der Anleitung von Jakob Mayer und Fritz Winter, die zusammen den neuen Bläsern das Spielen beibrachten, zu spielen und „überflügelte“ bald die anderen Chorbläser mit Leichtigkeit. Dank dieses „Meisters seines Instrumentes“ blühte der Posaunenchor nun vollends auf. Nun war es bei weitem nicht mehr so schwierig, Stücke für den Gottesdienst zu üben, denn Karl trieb und zog die anderen immer mit. Bald spielte der Posaunenchor an den verschiedensten kirchlichen Anlässen, bei denen die jungen Bläser zur Begleitung und Unterstützung mitwirken konnten. Es wurde beispielsweise bis zum zweiten Weltkrieg zum Brauch, daß der Posaunenchor bei jeder Beerdigung auf dem Friedhof zum letzten Geleit spielte.

Die stetig wachsende Größe des Chores und wohl auch die zunehmende Fähigkeit der Bläser laut zu spielen, zwang die jungen Menschen bald, sich einen anderen Übungsort zu suchen, denn bisher übte man ja immer noch bei Lehrer Nonnenmacher in der Wohnstube! Also wurden die Übungsstunden ins Haus Schmied-Mayer verlegt, wo sie ungehindert und so viel sie wollten üben konnten. Nach kurzer Zeit jedoch wurde dem Chor ein Strich durch die Rechnung gemacht. Denn im Jahre 1904 brannte bei Nacht ihr Übungslokal bis auf die Grundmauern ab. Nun hatten die jungen Männer nach längerem Suchen endlich eine Bleibe für ihre Vereinsabende gefunden und schon wurde es ihnen wieder aus den Händen gerissen. Also machten sie sich erneut auf die Suche, in Münchingen einen geeigneten Raum für den Posaunenchor zu finden. Doch schon bald erkannten sie, daß Gott mit ihnen immer wieder wunderbare Wege geht, denn nun wurde ihnen von Familie Schmalzridt angeboten, sie könnten auch im „Schnecken“ des Schlosses proben, allerdings müßten sie den Raum zuerst etwas herrichten. Doch für die tatkräftigen jungen Leute stellte dies in keinster Weise ein Problem dar und so richteten sie sich den großen Raum im Schloß sehr gemütlich ein und übten dort regelmäßig bis zum Jahr 1927.

In dieser Zeit ergab sich das Problem, daß der Chor eigentlich keinen richtigen Dirigenten hatte. Da nun auch spezielle Posaunenchorliteratur von Johannes Kuhlo herausgegeben wurde, die teilweise ohne Dirigenten fast nicht spielbar war, mußte man nach einem Dirigenten suchen. Zur Freude der Bläser erklärte sich Fritz Winter, der zuvor ja auch schon die Jungbläserausbildung machte, bereit, dem Chor als Dirigent vorzustehen und war von 1923 bis 1926 in diesem Amt tätig. Ab 1926 gab er den Dirigentenstab an den Nachfolger von Lehrer Nonnenmacher, den Oberlehrer Fischer.

 

Das neue Vereinshaus 1927

Der Regsamkeit und Willenskraft von Oberlehrer Fischer ist die Planung und der Bau des Vereinshauses in der Adlerstraße zu verdanken, das bis heute noch das Probelokal des Posaunenchors ist. Mit Fleiß und Aufopferung bauten viele Mitglieder des Jünglingsvereins und der altpietistischen Gemeinschaft in völliger Eigenleistung dieses in der damaligen Zeit fast zu große Bauwerk; einige der Helfer gaben sogar zugunsten des Baus für dieses Jahr ihren Beruf auf, um mit ganzer Kraft beim Bauen mithelfen zu können.

Nach der Fertigstellung des Vereinshauses im Jahre 1927 konnte auch der Posaunenchor einen neuen Probeort im Saal beziehen. Nun konnten die Bläser ungestört und in allen Lautstärken proben und mußten nicht mehr auf Nachbarn oder andere Leute Rücksicht nehmen, denn zu dieser Zeit waren noch fast keine anderen Häuser in diesem Gebiet der Adlerstraße.

Jedoch ergaben sich schon während und vor allem nach dem Bauen sehr große Probleme mit dem Aufbringen des erforderlichen Geldes. Denn Oberlehrer Fischer hatte einige „Extras“, wie etwa die große Wohnung oder das Türmchen eingebaut, die durch den kalkulierten Etat nicht gedeckt waren und sich somit nach und nach immer mehr Schulden anhäuften. Natürlich mußten die Gläubiger für die Schulden aufkommen und die Mehrkosten bezahlen, was jedoch nur kurze Zeit möglich war; man war also bankrott!

Glücklicherweise erklärte sich schließlich die Kirchengemeinde bereit, dem Verein aus diesen Geldnöten herauszuhelfen, kaufte im Jahre 1936 dem Jünglingsverein das neue Haus ab und stellte es ihm weiter zur freien Verfügung.

In dieser ganzen wirren Zeit sah es Lehrer Fischer, der ja diese ganze Schulden auf dem Gewissen hatte und sich den ganzen Vorwürfen nicht mehr stellen konnte, als einzigen Ausweg an, aus Münchingen wegzugehen. Also verließ er schweren Herzens im Jahre 1933 Münchingen; doch bevor er seine Wohnung im neuen Vereinshaus verließ, vernichtete er alle Pläne, Rechnungen, Aufstellungen,… kurz alles was ihn nachträglich wegen des Baus und dessen Fehlkalkulation belasten könnte. So ist es bis zum heutigen Tage unmöglich, die ganze Planungen und Berechnungen Fischers nachzuprüfen und zu rekonstruieren.

 

Die Zeit bis zum zweiten Weltkrieg

Für den Jünglingsverein und natürlich auch den Posaunenchor stellte der Weggang von Lehrer Fischer einen großen Verlust dar, da er trotz allen Fehlern, die er gemacht hatte den Verein doch nachhaltig geprägt und aufgebaut hat, unter Fischer gingen die Mitgliederzahlen deutlich nach oben und er konnte die jungen Leute von Gott begeistern. Doch mit Fischers Verlust beginnt sich auch die Gemeinschaft unter den Jugendlichen zu teilen. Nach und nach gewinnt die neu gegründete Hitlerjugend mehr an Attraktivität und so beginnt sich eine tiefe Kluft durch die ehemals so eng verbundenen jungen Leute zu ziehen.

Diese Entwicklung machte sich auch im Posaunenchor bemerkbar. Es ist aber wohl Paul Schuler zu verdanken, der als Nachfolger von Lehrer Fischer den Chor ab 1933 dirigierte, daß im Posaunenchor weiterhin die Gemeinschaft so erhalten blieb. Er war sehr bemüht, daß die 12 Bläser

Wilhelm Bässler, Eugen Deuble

Erwin Helber, Otto Hahl

Gottlob Hönes, Walter Hönes

Imanuel Hütt, Wilhelm Hütt

Wilhelm Kunberger, Otto Linse

Karl Mauser, Paul Schuler

Spaß am Spielen behielten und organisierte sogar im Jahre 1934, daß Landesposaunenwart Hermann Mühleisen für eine Woche nach Münchingen kam und dem ganzen Chor eine Woche lang „Nachhilfeunterricht“ in Sachen Blas- und Spieltechnik gab. Dies und das jährliche Missionsfest bei der Glemsmühle, zu dem auch Posaunenchöre aus der Umgebung kamen, stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl im Chor ungemein und dazu konnten auch die vielen Aktivitäten der HJ keine Alternative darstellen.

 

Der zweite Weltkrieg

Das Hitlerregime hatte in seiner maßlosen Selbstüberschätzung im September 1939 einen neuen Weltkrieg vom Zaun gebrochen und wieder wurden die wehrpflichtigen Jahrgänge zum Kriegsdienst eingezogen. Dieses Mal traf es den Posaunenchor hart, denn ausnahmslos alle Bläser wurden eingezogen und so wanderten die geliebten Instrumente in den Schrank in der Hoffnung auf baldige Rückkehr des Bläsers. Doch von 13 eingezogenen Bläsern kehrten nur noch sieben in die Heimat zurück.

Leider aber trauert der Chor um sechs Bläser, die nicht mehr zurückgekehrt oder aber an den Kriegsverletzungen gestorben sind:

Paul Schuler Chorleiter während 10 Jahren. Noch in den letzten Tagen wird er zum Volkssturm eingezogen und fällt nach kurzer Zeit in der märkischen Heide.

Wilhelm Kunberger Er fühlte sich neben Paul Schuler für den Chor verantwortlich und bildete den Nachwuchs aus. Sein Grab liegt weit im Osten.

Paul Kunberger Wilhelms Bruder – konnte nach dem Krieg nochmals im Chor mitspielen, starb aber an den Folgen seiner schweren Beinverletzung.

Karl Mauser Er war ein treuer und langjähriger Bläser. Karl galt lange Zeit als vermißt, sein Grab wurde aber in Rußland gefunden.

Ungewißheit für uns liegt jedoch noch heute über dem Schicksal der beiden vermißten Bläser:

Otto Hahl Otto Linse

Manche Toten haben diese Freunde beim letzten Gang mit ihrem Spielen begleitet und – wenn überhaupt – wie einsam wurden sie zur letzten Ruhe gebettet?

Ihnen allen gilt unser Gedenken.

 

Die Zeit nach 1945 bis 1956

So langsam und verlockend wie er gekommen war, so schnell und so kläglich ging der Traum vom „Tausendjährigen Reich“ zu Ende. Das so viel gerühmte und „großartige“ irdische Reich war in sich zusammengebrochen. Doch wie sah es jetzt aus? Nach und nach kamen die Bläser und ihre Freunde aus Krieg und Gefangenschaft wieder zurück. Abgekämpft und gedemütigt waren sie, nur den einen Gedanken im Kopf: „Wie wird es zu Hause aussehen?“ Und wie sah es dort aus? Viele Städte waren zerstört, die Verkehrswege und Bahnlinien waren oft noch von den eigenen Streitkräften gesprengt und Fabriken bombardiert worden. Münchingen selbst war noch einmal glimpflich davon gekommen. Außer ein paar Granateinschlägen und etwas Maschinengewehrfeuer war der ganze Ort ziemlich heil geblieben. Das Vereinshaus jedoch war umfunktioniert worden und diente bis 1949 als Notunterkunft für geflüchtete Polen.

Wie für so viele Familien und Gruppen stellte der Wiederbeginn nach dem Krieg auch für den Posaunenchor einen Neuanfang dar. Die Instrumente, die man in den Schrank gestellt hatte, als man in den Krieg ziehen mußte, waren schnell abgestaubt und wieder einsatzfähig gemacht. So trafen sich die übriggebliebenen 7 Bläser wieder und konnten das tun, wovon sie in der langen Zeit der Abwesenheit im Krieg, im Lazarett oder in Gefangenenlagern geträumt hatten: sie konnten wieder zusammen zu Gottes Lob und Ehre spielen.

Doch mit diesem Neuanfang des Posaunenchors nutzten auch einige andere junge Menschen den Zeitpunkt, auch mit einem Instrument einen Neuanfang zu machen. So entwickelte sich rasch unter der neuen Leitung von Gottlob Hönes, der sich von nun an für den Chor verantwortlich fühlte, eine neue Gruppe, die an Ostern 1946 zum ersten Mal wieder im Gottesdienst spielte. Diese Bläser waren:

Josef Bauer, Manfred Bauer, Eugen Deuble,

Gottlob Hönes, Walter Hönes, Immanuel Hütt,

Wilhelm Hütt ,Günther Kocher, Wolfgang Kocher,

Immanuel Köhl, Willi Weil

Einen besseren Zeitpunkt hätten sie nicht wählen können, als an diesem Festtag dem Gott zur Ehre zu spielen, der für uns gestorben und auferstanden ist und der für uns ein beständiges, unzerstörbares Reich erbaut hat. Dieses Spielen an Ostern war auch ein Signal für einen Neuanfang mit Jesus Christus, denn in dieser Zeit wurde vielen richtig bewußt, welches Ziel im Leben wirklich Bestand hat.

Die Anfangszeit war aber erst einmal von sehr großen Engpässen gekennzeichnet. Es mangelte an Instrumenten für die neuen Bläser, an der Qualität der einsatzfähigen Instrumente (viele waren noch aus der Gründerzeit), es mangelte an dem nötigen Geld neue Instrumente zu kaufen und es mangelte wieder, wie schon so oft zuvor an einem geeignetem Übungsraum. So war es durchaus möglich, daß die Chorprobe in Deubles Sattlerwerkstatt, bei Schreinermeister Schwarz zwischen Schraubzwingen und Hobelmaschine oder auch in der großen Bauernstube bei Otto Hönes stattfand, dessen Hühner jedoch während dieser Zeit vor Schreck nur noch kleine Eier legen konnten.

Zur großen Freude der Bläser fand im Jahr 1950, in dem man auch wieder das neu renovierte Vereinshaus nutzen konnte, der Bezirksposaunentag des Kirchenbezirks Leonberg in Münchingen statt. Viele Bläser aus dem ganzen Bezirk kamen zum Festgottesdienst und anschließendem Platzblasen bei strahlendem Sonnenschein nach Münchingen. Dieser Bezirksposaunentag war für alle Teilnehmer ein Anstoß und Auftrieb, die Posaunenarbeit weiter in den Gemeinden aufzubauen und zu fördern.

Der Dienst des Posaunenchors in der Gemeinde wandelte sich nach dem zweiten Weltkrieg in vieler Hinsicht. Stand das Spielen bei Beerdigungen zuvor im Mittelpunkt der Aufgaben, so mußte man nun diesen Dienst sehr einschränken, da viele Bläser arbeiteten und nicht mehr die nötige Zeit dafür aufbringen konnten. An dessen Stelle wurde das Spielen bei Altersjubilaren eingeführt, das noch bis heute mit im Mittelpunkt des Chores steht. Zusätzlich bot sich dem Posaunenchor die Möglichkeit, in dieser Zeit auch bei anderen Anlässen mitzuwirken, wie etwa bei der Grundsteinlegung, der Glockeneinholung und der Einweihung der Emmauskirche im Kallenberg oder der Glockeneinholung für die Johanneskirche im Jahre 1956.

 

Der Chor seit 1956

Unter dem damaligen Chorleiter Gottlob Hönes erlebte der Chor dann den lang ersehnten Aufschwung nach dem Krieg und so konnte man sich nach und nach auch an größere Vorhaben wagen. So konnte dank der guten Beziehungen des Chorleiters zu Hermann Mühleisen dieser dafür gewonnen werden, anläßlich des 60–jährigen Jubiläums 1958 ein Arbeitswochenende mit dem Posaunenchor Münchingen und Bläsern aus dem Kreis Leonberg in Münchingen zu leiten. Also trafen sich Samstags etwa 150 Bläser und probten intensiv an alter und neuer Musik und wurden sachkundig von Mühleisen in Spieltechnik und Posaunenchorliteratur eingeführt. Am Sonntag Morgen und abends bei einer Abendmusik konnte sich die Gemeinde dann von den schnellen Fortschritten des Chores dank des Arbeitswochenendes überzeugen.

Die Fortschritte setzten sich aber auch noch weiterhin fort und so bestritten der Posaunenchor zusammen mit dem Singkreis schon ein Jahr später eine geistliche Abendmusik in der Johanneskirche. Die Steigerung hatten natürlich auch darüber hinaus zur Folge, daß der Posaunenchor immer mehr Einsätze wahrnehmen konnte, die über den eigentlichen Dienst des Chores in der Gemeinde hinausgingen.

Im Jahre 1968 gab es für den Posaunenchor eine Neuerung, die jedoch von fast allen Chormitgliedern sehr begrüßt wurde. In diesem Jahr begannen nämlich erstmals auch zwei Mädchen mit der Jungbläserausbildung. Margret Hönes und Dorothea Kirschbaum wurden somit Wegbereiter für immer neue Jungbläserinnen, die ein Instrument erlernten und später auch später im Chor spielten, was in Spitzenzeiten schon mehr als 10 Bläserinnen ausmachte.

Nach 28 Jahren Chorleitung gab Gottlob Hönes im Jahre 1973 die Leitung des Chores an Roland Wolf ab, der schon zuvor den Chorleiter vertreten hatte. Nach all der vielen Aufbauarbeit, die er im Chor geleistet hatte, dem 50. und 60. Jubiläum, den vielen Sondereinsätzen des Chores, wie zuletzt der Einweihung des Kindergartens im Kallenberg und auch dem großen Engagement in der Posaunenarbeit des Landes konnte er auf eine lange und erfüllte Zeit zurückblicken und gab nun dieses Amt in jüngere Hände ab.

Unter der neuen Leitung von Roland Wolf wurde nun die Förderung des Nachwuchses noch weiter in den Vordergrund gestellt. Man kümmerte sich aktiv um die Ausbildung von Jungbläsern. Somit konnte nach und nach der Verlust der Bläser, die in den 70er Jahren wegen Heirat, Beruf, Krankheit… den Chor verlassen mußten wieder ausgeglichen und sogar die Zahl der aktiven Bläser noch erhöht werden. Doch trotz der großen Abwanderungswelle im Chor war es weiterhin möglich, größere Auftritte zu gestalten, wie etwa zwei gemeinsame Abendmusiken mit dem Posaunenchor Korntal 1976.

Schon nach 4 Jahren Amtszeit gibt Roland Wolf im Jahr 1977 die Leitung an Werner Haag ab. Unter dessen Leitung konnte man schon ein Jahr später das 80 jährige Bestehen des Chores feiern. Neben dem Festgottesdienst wurde bei diesem Jubiläum auch ein gemeinsamer Nachmittag gestaltet, zu dem Aktive und auch ehemalige Bläser des Chores zusammenkamen.

Ein schwerer Verlust für den Chor bedeutete schon ein Jahr darauf 1979 der plötzliche Tod des erst 28 jährigen Werner Haag. Er verstand sich sehr gut mit dem Chor und nahm auch die Aufgabe als Chorleiter sehr erst. Um so größer war deshalb die Trauer um den liebgewonnenen Chorleiter.

In dieser Situation ergab sich aber erneut das Problem, daß der Chor auf die Suche nach einem neuen Chorleiter gehen mußte. Jedoch erklärte sich Roland Wolf, der ja schon von 1973 bis 1977 den Posaunenchor geleitet hatte, bereit, den fehlenden Chorleiter zu ersetzen.

Unter der neuen „alten“ Leitung wurde der Aufgabenbereich des Chores erneut erweitert; so kam zum traditionellen Geburtstagsblasen bei Altersjubilaren auch das Blasen im Krankenhaus und im Gefängnis in Stammheim hinzu, auch das Mitwirken beim jährlichen Gemeindefest wurde zum festen Bestandteil des Jahresprogramms. Aber auch gesellige Zusammenkünfte durften natürlich nicht fehlen. Der jährliche Ausflug, zu denen man natürlich die Instrumente mitnahm und das Sommerfest auf dem Julianenhof gehörten mit zu den Höhepunkten des Jahresablaufs.

Einen besonderen Dienst, den der Posaunenchor erfüllen konnte, war im Jahre 1985. In diesem Jahr wurde in unserer Partnergemeinde Oettersdorf / Thüringen die Laurentiuskirche eingeweiht, die in 18 monatiger Arbeit in Eigenleistung renoviert wurde. Zu dieser Feier wurde der Posaunenchor eingeladen, den Festgottesdienst mitzugestalten. Bei diesem Besuch zeigte sich jedoch, daß die damalige DDR-Regierung gar nicht mit dem Spielen des Chores einverstanden waren, denn dem Posaunenchor wurde es ausdrücklich untersagt unter freiem Himmel zu blasen. Da man nach dem Gottesdienst im Freien noch ein kleines Platzblasen veranstalten wollte, mußte der Chor wohl oder übel aus dem Kircheninneren ins Freie hinaus spielen.

Am Ende des Jahres 1985 gab Roland Wolf nach weiteren 7 Jahren der Chorleitung sein Amt ab. Auch er war nach Gottlob Hönes, einer der Chorleiter, die maßgebliche Aufbauarbeit im Chor geleistet haben, der sich aktiv um die Aus- und auch die Weiterbildung der Bläser kümmerte und dadurch die Anzahl der Bläser im Chor ständig steigern konnte, der das Aufgabenfeld des Chores vergrößerte, ohne daß es als Last für die Bläser empfunden wurde und der auch die Beliebtheit des Chores in der Gemeinde steigerte.

Seit 1986 hat nun Alfred Schatz die Leitung des Chores. Mit diesem Wechsel der Chorleitung setzte auch ein deutliches Jüngerwerden des Chores ein. Sehr viele Jungbläser begannen mit der Ausbildung, darunter auch immer mehr Mädchen, und wurden auch bald in den Chor integriert. Da das 90 jährige Bestehen des Chores 1988 schon fast vor der Türe stand, das gleichzeitig mit dem 500 jährigen Jubiläum der Johanneskirche gefeiert wurde und der Posaunenchor dabei viele Aufgaben wahrzunehmen hatte, fuhr man gemeinsam zu einem Probenwochenende ins Monbachtal, um sich dort in aller Ruhe intensiv vorbereiten zu können. In der Zwischenzeit sind diese Wochenenden fast schon zur Tradition geworden, fährt man doch jedes zweite Jahr nach Lorch, ins Monbachtal oder, wie im letzten Jahr in den Odenwald.

Der „neu verjüngte“ Chor konnte im Jahre 1990 kurz nach der deutschen Wiedervereinigung ein zweites Mal die Partnergemeinde in Oettersdorf besuchen. Und auch wie beim ersten Besuch 1985 waren Mitarbeiter der Stasi, die ja eigentlich zu dieser Zeit schon aufgelöst war, aber trotzdem im Untergrund noch weiter bestand, sehr darauf bedacht, uns auf Schritt und Tritt bei unserem Besuch zu beobachten.

Der wohl größte Höhepunkt der 100 jährigen Geschichte des Posaunenchors stellte nun sicherlich das Jubiläum dar. Anläßlich hierfür erschien auch die erste CD des Chores.

Zusammenfassend darf wohl gesagt werden, daß der Posaunenchor in seinen über 100 Jahren getragen wurde von vielen Gebeten und Gottes reicher Güte. Daß das „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ an erster Stelle steht, ist unser Anliegen. Unterwegs mit Jesus Christus dürfen wir freudig sagen und spielen: „Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die bisher’ge Treue, die du, o Gott, mir lebenslang bewiesen täglich neue. In mein Gedächtnis schreib ich an: der Herr hat Großes mir getan, bis hierher mir geholfen.“

Alexander Schatz